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Stellt Euch vor Ihr wärt ein ehemals recht bekannter Redakteur für Computer- und Videospiele, der seine beste Zeit gemeinsam mit der gesamten Print-Presse bereits seit längerem hinter sich hat. Stellt Euch weiter vor, Ihr hättet als eben dieser mal einen wirklichen Glückstreffer gelandet und ein überaus erfolgreiches Magazin für PC-Spiele gegründet – nein, halt: nicht einfach gegründet, sondern “erfunden“. Denn schließlich ist das schon etwas ganz besonderes, so ein PC-Spiele-Magazin auf den Markt zu bringen. Vor allem gegen Ende der 90er. Damals gab es sowas ja noch nicht. Überhaupt war das Konzept der so genannten “Zeitschrift” damals noch recht unbekannt, von daher kann man wirklich sehr gut von “erfinden” sprechen, ja. Stellt Euch also nun vor, Ihr wärt der “Erfinder” eines ehemals PC-Spiele-Magazins, sagen wir einfach mal der GameStar, Eure “Karriere” ginge so langsam aber sicher den Bach herunter und Eure einstige Bedeutsamkeit verkäme zu einem schwachen Silberstreif am Horizont, den Ihr nur noch dadurch am Leben zu erhalten versucht, indem Ihr jedem, den es interessiert, aber vor allem all jenen, denen es am Allerwertesten vorbeigeht, Euren Status als “Erfinder” der GameStar unter die Nase zu reiben. Wie bei einem noch nicht stubenreinen Hund, der gerade mal wieder die Wohnung vollgekackt hat und den man nun genüsslich nochmals mit dem Riecher durch sein eigenes Häufchen ziehen muss. Habt Ihr das Bild vor Augen? Gut, dann stellt Euch nun mal vor, Ihr wäret aus dieser Situation heraus verzweifelt auf der Suche nach einem Ausweg aus der Misere. Nach einem, der Euch an Eure alten Glanzzeiten anknüpfen lässt und – ganz wichtig – mit dem man auch noch Geld verdienen kann.

Rein zufällig kennt Ihr noch ein paar solcher Nasen, die alle längst ins Heim für alternde Games-Redakteure abgeschoben wurden und ebenfalls nichts mehr mit ihrer Zeit anzufangen wissen. Die wären auch gerne wieder so bekannt und beliebt wie früher  und natürlich würden sie auch noch gerne ein wenig Geld verdienen. Als Spiele-Redakteure. Mit einem eigenen Online-Portal. Natürlich unter Eurer Ägide, versteht sich, denn schließlich seit Ihr als “Erfinder” der GameStar ein wahrer Heilsbringer und außerdem konntet Ihr es nicht lassen, jenes Online-Portal ebenfalls in mehrjähriger Planungsphase zu “erfinden”. Deswegen steht da ja auch ganz dick Eurer Name drauf, ist doch klar. Doch das nur am Rande. Nun habt Ihr also diesen Haufen verlotterter Arbeitsloser kompetenter Spiele-Redakteure, ein wenig Startkapital und eine gute Idee.

Doch leider gibt es da noch ein kleines Problem: Aus leidiger eigener Erfahrung wisst Ihr, dass so ein Online-Portal vor allem durch eine schier endlose Flut an täglichen News glänzen muss, um ausreichend (Leser-)Masse anzuziehen und damit Einnahmen zu generieren. Nun ist das ständige Nachbetenmüssen von Meldungen, die aus dem Newsticker fallen, leider total öde und so überhaupt nicht Eurer Ding. Euer verlotterter Co-Autoren-Haufen hat auf so einen Blödsinn sowieso keine Lust und widmet sich lieber der überaus wichtigen Erkundung der Welt via virtuellenrFlugsimulatoren bei Fritten und Bier, weshalb Ihr rein theoretisch nun ziemlich in der Bredouille sitzt. Denn keine Newsmeldungen zu generieren bedeutet, keine große Masse an pubertären Forentrollen mündigen Lesern anlocken zu können, bedeutet, keinen Zaster einfahren zu dürfen.

Doch an dieser Stelle kommt nun Eure wirklich großartige Erfindung ins Spiel, denn das Online-Portal als solches ist natürlich nur die Basis Eures Geschäftsmodells: Statt die ganze Arbeit selbst zu machen bzw. seine Ex-und-nun-wieder-Redaktions-Mit-Insassen teuer für solch eine Drecksarbeit wie das News-Schreiben bezahlen zu müssen, habt Ihr Euch folgendes Modell überlegt: Ihr lasst einfach Eure Leserschaft schreiben! Umsonst! Völlig für lau! So richtig schön unter dem Deckmäntelchen allerhöchster Webzwonull-Glücksseligkeit. Und das Coolste daran ist: Ihr generiert so (hoffentlich) automatisch mehr Leser und damit höhere Werbe-Einnahmen. Und weil Eure News-Schreiberlinge ja nun keinerlei Geld kosten, müsst Ihr die Einnahmen nur noch unter einem kleinen Stammteam aufteilen, statt damit auch noch eine Horde an hochrangigien Redakteuren, Autoren, CvDs, etc. zu bezahlen.

Geile Sache, oder? Finde ich auch. Nun gibt es da natürlich leider noch das Problem der für gewöhnlich eher mühsamen Startphase. Es dauert natürlich eine ganze Weile, bis so ein Online-Portal in voller Blüte erstrahlt und der Server von den Massen regelrecht überrollt wird. Deshalb müsst Ihr ein wenig Werbung für Euch selbst machen. Damit das auch nicht zu teuer wird, handhabt Ihr es genau wie mit den kostenlosen News-Autoren und denkt Euch: “Mensch, da draußen sind doch schon jetzt ganz viele Leute, die völlig ohne jeden kommerziellen Ansatz tagtäglich kostenlose Artikel zum Thema Videospiele in die Welt pusten und damit genau jene Zielgruppe ansprechen, die ich gerne auch als Leser für meine eigene Erfindung gewinnen würde. Oder nein, besser: als kostenlose Newsautoren. Spannen wir dieses Blogger-Pack doch einfach mal vor unseren eigenen Karren und lassen die auch mal schön umsonst Werbung für uns machen.”

Gesagt, getan. Also schreibt Ihr eine endlos lange E-Mail an praktisch alle deutschsprachigen Blogs, die auch nur im entferntesten mit Games zu tun haben oder zumindest wissen, wie man das Wort buchstabiert. Um Zeit und damit Geld zu sparen, nutzt Ihr dazu einfach Copy&Paste und verteilt Eure bitte um Unterstützung somit schnell und effizient. Und überseht dabei, dass Ihr im Eifer des Gefechts weder den Name des Angesprochenen, noch seinen Blog-Namen nach Versenden der ersten Mail korrekt eingesetzt habt. So kommt es, dass plötzlich alle Mails mit “Hallo Devrim” beginnen. Das macht aber gar nichts, denn schließlich betont Ihr gefühlte 14 Absätze später, dass die Adresse des Angeschriebenen “übrigens nicht von einem Crawler oder Spiderbot ermittelt [wurde], sondern manuell” von einem Eurer Mitstreiter oder Euch und dass Ihr “in den letzten Wochen gezielt nach Blogs, Fansites und anderen Seiten gesucht, deren Inhalte” Euch gefallen haben.

Oh shit, das Hündchen hat schon wieder Kaka gemacht. Schnell nochmal mit der Nase durch den Haufen Selbstverständlich werdet Ihr nicht müde, Eure Mail mit dem Hinweis zu beginnen, dass Ihr einst mal eine ganz dolle Berühmtheit im Spielezeitschriften-Markt wart und doch bitte bitte bitte gerne wieder etwas mehr Aufmerksamkeit hättet, buuhuuuhuuuu *schnüff*. Wie dem auch sei: das Bloggervolk ist ja nicht blöd – und das wisst Ihr auch. Die lassen sich nicht einfach so instrumentalisieren. Also müssen handfeste Anreize her. Bloß welche? Was interessiert so einen Blogger bloß? Wahrscheinlich das Gleiche wie jeden dahergelaufenen 0815-Newsautor: der Schwanzvergleich!

Also hebt Ihr ein perfides Rangsystem aus der Taufe, das Schreiberlinge mit steigender Anzahl eigens verfasster News stetig im Rang steigen lässt und ihnen nach und nach mehr Fähigkeiten Möglichkeiten und Freiheiten einräumt. In etwa so, wie bei Call of Duty 4. Das kennt der Pöbel, das gefällt ihm, das funktioniert im Spiel millionenfach – warum also nicht auch im wahren Leben? Nun haben Blogger bereits bewiesen, dass sie zumindest ein Grundverständnis für die deutsche Sprache haben und sich in der Materie der Games ebenfalls bereits ein gewisses Basiswissen angeeignet haben. Also bietet man ihnen kurzerhand an, cheaten zu dürfen und ohne über Los zu gehen 4000 Euro einzustreichen gleich zu Beginn 10 Ränge aufzusteigen und ihnen ein paar “Rechte” mehr einzuräumen. Doch kann so etwas für sich allein genommen funktionieren? Nein, Ihr habt Recht: natürlich kann es das nicht. Deshab bietet Ihr jedem freiwilligen Autor Eurer Seite folgenden Deal an: er schreibt für Euch, Ihr sackt die dadurch verdiente Kohle ein und unterrichtet ihn stattdessen in der hohen Kunst des Games-Journalismus, indem Ihr über jeden Artikel, der veröffentlicht wird, vorher nochmal schnell drüberbügelt und ihn auf Eure gottgleiche Schreibkunst trimmt. Auf dass der junge News-Padawan noch was lernen möge.

Euer hehres Ziel: “interessierte User vom Hobbyschreiber zum Profischreiber [...] auszubilden, wenn sie denn wollen und die Fähigkeiten dazu besitzen. Und zwar mit Feedback, Redigieren, Tipps. Das macht enorme Arbeit, die wesentlich teurer und aufwändiger ist, als für den gängigen Tarif von 3 Euro / pro News Content zu kaufen.” Das ist natürlich absoluter Bullshit und das wisst Ihr auch. Aber das muss man ja nicht laut sagen. Ihr und Eure arbeitslose Altherrenriege habt schließlich sowieso nichts zu tun und entsprechend jede Menge Zeit, um gelangweilt über – sagen wir mal – 40 News-Meldungen am Tag zu bügeln. Da bleibt immer noch mehr als genügend Zeit, um für sich selbst die wahren Rosinen herauszupicken und zu Publisher-Terminen zu fahren, exklusive Brancheneinblicke zu erhalten und durch die Weltgeschichte zu jetten, um Euch schon wieder ein 10minütiges Gameplay-Video anzuschauen und etwas Marketing-Geschwurbel mit auf den Weg zu bekommen, um daraus eine 4seitige Preview zu stricken.

Das wäre doch mal ein Anreiz für potentielle Jung-Autoren, wenn man sich die 3 Euro pro News-Content schon lieber sparen möchte. Aber dann säße man ja doch wieder nur zuhause rum und müsste sich gelangweilt an den Füßen spielen, um am Ende nicht doch noch versehentlich selbst den Newsticker abzuschreiben. Nicht wahr, Herr Langer?