Deutschland, einig Deppenland

Ist es nicht schön? Da reden sich seit Jahren Medienpädagogen die Zunge fransig, wie wichtig die Generierung von Medienkompetenz innerhalb des Pöbels doch ist – und dann entpuppt sich ausgerechnet das politische Bildungsbürgertum in den Parlamenten dieser Republik als größte statistische Deppenhäufung seit Gründung des Vatikan. Zusammen – auf sich gestellt –  im Wald ausgesetzt würde diese Bande keinen Tag überleben – aber in einen Raum mit einem leeren Blatt Stapel Lagerhaus Papier gestopft schaffen sie es garantiert, jede einzelne Seite in schlimmstem Spießerdeutsch mit sinnfreien Paragraphen zu beschmieren.

Medienkompetenz? Fehlanzeige! Wir können ja offenbar schon froh sein, wenn der gemeine deutsche Politiker überhaupt in irgendwas Kompetenz beweist. Und wenn es nur das Schuhebinden ist… Ausgerechnet die Generation der Internetausdrucker ist es nun aber, die über die Zukunft des Internets bestimmen soll? Oh c’mon, you must be kiddin’. Sendezeiten? Für Webseiten? In einem internationalen “Trägermedium”. Fuck off, assholes!

Das Schlimme: die Ergüsse des geistigen Vakuums unserer lieben Ministerpräsidenten sind dank schriftlicher Niederlegung in Form des neuen Jugendmedienschutzstaatsvertrages (JMStV, schönes Wort) nun so etwas ähnliches wie ein Gesetz und dabei an Unsinnigkeit nicht zu überbieten. Ich betone an dieser Stelle nochmal: der JMStV ist nur sowas ähnliches wie ein Gesetz. Er ist kein Gesetz im eigentlichen Sinne. Denn das hätte ja durch den Reichstag Bundestag gemusst – und somit hätte zumindest der Hauch einer Chance bestanden, dass dieses Machwerk nicht verabschiedet worden wäre. Also umgeht man diesen Schritt lieber.

Doch bevor ich nun allzu sehr ins Polemische abdrifte, komme ich nun lieber schnell zum eigentlichen Thema und damit einer etwas sachlicheren Auseinandersetzung mit der Frage, welche Risiken, Problematiken und persönlichen Konsequenzen ich im JMStV sehe bzw. aus ihm ziehe. Hierzu wurde ich, neben einigen weiteren Bloggern aus allen möglichen Ecken der Gamessparte, vor einigen Tagen von Kristin drüben bei Zockwork Orange befragt. Die leicht editierte und auf Fließtext getrimmte Fassung meiner Antworten könnt Ihr Euch im Folgenden nochmal zu Gemüte führen:

 

Die Auswirkungen der umstrittenen Anpassungen des Jugendmedienschutzstaatsvertrages (JMStV) sind momentan recht schwierig abzuschätzen, da niemand weiß, wie genau die technische Umsetzung der JMStV-Vorgaben am Ende auszusehen hat. Sollte es tatsächlich genügen, seinem Blog im Zweifelsfall ein einfaches “Ab 18″-Kennzeichen zu verpassen, werden die meisten deutschen (Spiele-)Blogs vermutlich kein Problem damit haben, ihre Inhalte einfach als “nicht geeignet für Jugendliche unter 18 Jahren” zu klassifizieren. Da anscheinend mit der freiwilligen Kennzeichnung keinerlei technische Einschränkungen einhergehen, wäre das wohl der gangbarste Weg für die meisten. Da ich generell die Spiele-Blog-Leserschaft aus eigener Erfahrung im Durchschnitt als deutlich älter einschätze als den klassischen Gamestar-Forentroll, wird es der Blogkultur keinen Abbruch tun. Und seien wir ehrlich: ein einfaches Kennzeichen ohne weitere Einschränkungen wird sowieso niemanden davon abhalten, sich eine Seite oder ein Blog anzuschauen. Was uns direkt zu den Problemen des JMStV bringt…

Denn dieser schafft unterm Strich deutlich mehr Unsicherheit im (deutschen) Netz, als er Sicherheit bietet. Welche Inhalte sind wie einzuschätzen, wo liegt die textliche Grenze zwischen beispielsweise Inhalten ab 12 oder ab 16? Macht die kritische Beschreibung brutaler Inhalte in Call of Duty mein Blog automatisch nicht jugendfrei, bloß weil das Spiel selbst ab 18 ist? Darf eine Harry-Potter-Fanpage davon ausgehen, dass sie grundsätzlich jugendfrei ist? Oder muss der rote Sticker her, wenn der gemeine Harry-Potter-Blogautor eine ähnliche Fluch-Frequenz wie ich in seinen Texten erreicht? Da sich wohl kein einziger privater Blogbetreiber die Summe für die höchstoffizielle Inhaltseinschätzung von staatlich anerkannter Seite leisten kann und die Einführung von Sendezeiten für die meisten aufgrund grober Unsinnigkeit eines solchen Konzeptes im Internet nicht in Frage kommt, wird der Großteil versuchen, sich bei der Klassifizierung auf seinen gesunden Menschenverstand zu verlassen. Hier liegt gerade im durch die Formulierung des JMStV entstehenden Interpretationsspielraum ein regelrechtes Minenfeld für jeden Blogbetreiber vergraben, das in Zukunft zu vielen obskuren Abmahnungen und Präzedenz-Entscheidungen führen dürfte. Immerhin zeigt eine erste Studie, dass bei ganzen 80% aller Testpersonen der gesunde Menschenverstand und die tatsächliche Gesetzeslage nicht miteinander in Übereinstimmung zu bringen sind. Ich kann schon regelrecht hören, wie sich gerade vor allem unsere Lieblingsrichter in Hamburg die Hände reiben.

Aber vor allem eben: bringt eine solche Alterskennzeichnung überhaupt etwas? Alterskennzeichen halten trotz ihrer Rechtsgültigkeit im Zweifelsfall keinen 13-jährigen davon ab, trotzdem Gears of War oder Modern Warfare zu spielen. Warum sollte es ein einfaches Kennzeichen, das auf irgendeiner Seite klebt, schaffen, diesen 13jährigen von der Auseinandersetzung mit eben dieser Seite abzuhalten?

Und dann ist da noch der technische Aspekt: Wie funktioniert das eigentlich genau mit der Freigabe? Welchen Codeschnipsel muss ich wie wo integrieren, damit das alles auch technisch passt? Und wie wird unser 13-jähriger von oben ggf. technisch daran gehindert, eine Seite zu “betreten”. Wird es eine entsprechende Filter-Software geben? Und glaubt wirklich jemand ernsthaft, dass auch nur eine annähernd kritische Masse an Eltern über die Medienkompetenz oder die Lust verfügt, sich solch eine Filtersoftware auf dem heimischen Rechner zu installieren? Vor allem, wenn an dem gesamten Konzept des JMStV so vieles schräg, falsch oder offensichtlich schwachsinnig ist? Wohl kaum. Von daher dürfte das allergrößte Problem des JMStV seine Wirkungslosigkeit sein.

Ungeachtet sämtlicher Diskussionen sehe ich die Situation für endoflevelboss.de derzeit relativ entspannt. Da meinem subjektiven Empfinden nach der überwiegende Teil von Euch, meiner Leserschaft, bereits länger volljährig ist, hätte ich kein Problem damit, mein Blog ab 18 einzustufen. Allerdings setze ich noch auf den massiven zivilen Ungehorsam und den gerade losbrechenden Shitstorm im Internet, um die derzeitigen Entwicklungen zum Positiven zu wenden. Wenn schon Castor-Transporte und sinnfreie Bahnhofsumbauten keine Massen mobilisieren, dann doch hoffentlich das Recht auf freie Meinungsäußerung immer und überall – ohne Sendezeiten für das geschriebene Wort.

Und jetzt Ihr, liebe Mitbloggerinnen und Mitblogger. Wie geht Ihr mit einem so offensichtlich schwachsinnigen Papier wie dem JMStV um? Welche Konsequenzen zieht Ihr für Euch persönlich?

12 thoughts on “Deutschland, einig Deppenland

  1. Leider ist diesbezüglich gar nichts klar. Überhaupt nichts. Deshalb weiß ich überhaupt nicht wie ich mit meinem Blog weiter machen soll.
    Da ich aber weder die Zeit noch das Geld habe mich damit zu beschäftigen bzw. Risiken einzugehen rechtlich belangt zu werden, werde ich zur Not meinen Blog abschalten mit einem Hinweis auf dieses verdammte “Gesetz”.

    Und ich stimme dir völlig zu, dass die Macher dieses Vertrages wahrscheinlich sich über die Konsequenzen nicht im klaren waren.

    Was mich nur wundert ist: Ich persönlich setze Zuhause einen Site-Content-Filter des Routers ein, der Seiten mit einschlägigen Stichwörtern wie Sex, Drogen, Porno usw. nicht anzeigt. Nicht das beste System, aber es funktioniert einigermaßen. View all comments by Commander Z

  2. Für mich geht es zwar primär um einen “Nicht-Blog”, sondern eine Webseite im klassischen Sinne, aber für’s erste werde ich wohl mal so weiter machen wie bisher. Das Internet zum 1.1.11 abzuschalten ist ja auch keine Lösung.

    Und so lange keine technische Lösung da ist werde ich auch sicher nicht auf irgendwelche Sendezeiten umstellen – nur weil irgendjemand der Meinung sein könnte, dass es jugendgefährdent ist, wenn man in einem Spiel einen “Gott-Modus” aktivieren kann… View all comments by Dominik

  3. Gar keine; ich mache nix; ich lasse es drauf ankommen; ich bin rechtschutzversichert und bin sicher dann (wenn es hart auf hart kommt) nicht der einzige, der dagegen vorgeht.
    Ich kann weder verstehen, wenn jemand DESHALB sein Blog schließt, noch verstehe ich, wie man einer dermaßen schwachsinnigen Regelung folge leisten kann. Die spinnen, das wisse alle, und im Zweifelsfalle auch der Richter, so meine Hoffnung.
    Ehrlich, ich habe es schon mal gesagt: Mama macht Lict auffer Party an…und alle hören sofort auf zu däncen? Nee, ich habe das anders in Erinnerung. Man kann doch nicht jeden Scheiss mitmachen und sich alles und immer gefallen lassen! View all comments by Chris

  4. Erstmal nix machen bis klar ist wie man kennzeichnen muss.

    Letztlich ist das ganze wie die Impressumspflicht zu betrachten

    Was das alles bringen soll? Es ist eine gesetzlich verankerte überdimensionale Whitelist. Als Anbieter von Filtersoftware muss ich mir nicht mehr von Polizisten und Medienpädagogen meine Ineffizienz bescheinigen lassen, ich kann jetzt einfach das ganze Netz blocken und nur die entsprechend gekennzeichneten Seiten durch lassen. Kein Porn, kein Ballerspiel, kein Chatroulette, Eltern beruhigt.

    Dummerweise dürfte dabei für Anwendungsfall a) Kinderzimmer das fremdsprachige Netz unbenutzbar werden und für Anwendungsfall b) kommt immer noch viel zu viel durch was zwar die Jugend nicht gefährdet, aber Unterricht behindert… Flashspieleseiten z.B.

    Was mich aber viel mehr ärgert als ein mäßig effektives Gesetz, ist dass hier schon wieder mit zweierlei Maß gemessen wird. Internet, Film, Spiele… alles bäh, gut ist nur die edle Literatur. Da darf so viel gefickt und gemordet werden wie man will. View all comments by Ben

  5. Hmm, nehmt ihr das tatsächlich auf die leichte Schulter? Irgend wie müsst ihr entweder Anwälte als Freunde haben, viel Geld in der Tasche oder einfach nur rebellisch.

    Ich verstehe aus den ganzen Kommentaren im Web, dass private Blogs usw. definitiv auch betroffen sind. Oder interpretiere ich da was falsch? View all comments by Commander Z

  6. Auf die leichte Schulter nimmt das sicher niemand hier wirklich. Sonst wären wir ja nicht hier um uns zu informieren und so viele Meinungen wie möglich einzuholen.

    Die Frage ist: Was sind die alternativen?

    Ich habe die Wahl zwischen “mache erst mal weiter und kämpfe für mein Recht” und “mache meine Webseite zu und melde mich beim Arbeitsamt”.

    Was würdest du wählen? View all comments by Dominik

  7. Jau, ich habe tatsächlich einen Anwalt als Freund. Aber soweit möchte ich es eigentlich nicht kommen lassen, dass er wirklich nötig wird. mal schauen, wie sich die nächsten Wochen so entwickeln. Momentan liegt einfach viel zuviel im Unklaren, als dass ich mir wirklich begründet Sorgen oder gute Hoffnung machen könnte. Ich bin da derzeit relativ emotionslos. View all comments by Christian

  8. Schöner Artikel Christian!
    Generell alles ab 18 zu kennzeichnen hatte ich auch schon überlegt.

    Aber da immer betont wird, dass Suchmaschinen ebenfalls mitzuziehen haben, habe ich da meine Bedenken. Suchmaschinenbetreiber dürfen Besucher dann ja nur noch an die Seiten schicken, die eben nicht ab 18 sind (zumindest tagsüber). Oder?

    Wenn wir unsere ganzen Blogs ab 18 kennzeichnen, würden wir dann eventuell tagsüber gar nicht mehr in Suchmaschinen auftauchen.

    @Chris (doktorsblog): Ich wäre mir nicht zu sicher, dass die Rechtschutzversicherung den Fall übernimmt. View all comments by Dennis

  9. Danke Christian für diesen genialen Beitrag. Wurde bei uns auf Konsolendealz auch gleich verlinkt.

    Bin mal gespannt auf den Shitstorm, den die da loslassen. Schüttel einfach nur den Kopf, wie und wo überall versucht, Zensur einzuführen. Gerade bzgl. des aktuellen Anlasses glaube ich, dass das immer wichtigeres Ziel für “die Leute” wird, effiziente Zensur einzuführen. View all comments by Tabledrummer

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