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Ein Experiment. Ein Fremdartikel. Eine Meinung, die nicht meine ist. Zum allerersten Mal in der Geschichte dieses Blogs. Zu einem Thema, das zwar derzeit besonders brandaktuell ist, allerdings auch abseits von Amokläufen und elendigen Medienauswalzungen als Grundsatzdiskussion alles andere als uninteressant ist. Die Frage nach dem Sinn und Unsinn von gewalthaltigen Computerspielen, die sich ohne weiteres gesamtgesellschaftlich auf sämtliche Medien übertragen ließe. Eine Gegenposition, die mich selbst beim Lesen manches mal innehalten und schlucken ließ, bei der ich zwischendurch absetzen und tief Luft holen musste, während ich bei anderen Passagen nur zustimmend mit dem Kopf nicken konnte. Auslöser für diese Reaktion meines ehemaligen Arbeitskollegen Dirk, selbst junger Familienvater, war eine Statusmeldung meinerseits bei Xing, mit der ich mich über die unreflektierte und voreilige mediale Verurteilung von so beschimpften “Killerspielen” im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Winnenden empörte. Die Antwort darauf lest Ihr ungekürzt und von mir unkommentiert in den folgenden Absätzen. Ich für meinen Teil bin sehr auf die daraus vielleicht resultierende Diskussion gespannt. Vielen Dank schonmal an Dirk, dass er der Veröffentlichung zugestimmt hat. Here we go…

“Ich muss mal auf deine Statusmeldung anworten…

Fakt ist doch, dass dieser Mensch ein Counterstrike-Spieler war. Fakt ist auch, dass alle vorherigen mir bekannten Amok-Läufer dieses oder ähnliche Spiele dauerhaft gespielt haben.

Fakt ist auch, dass diese Jungs alle die gleiche soziale Herkunft haben, dass sie alle einen ähnlichen Bildungshintergrund haben, sich als Looser fühlen, gemobbt wurden, unauffällig waren und wenig Kontakte zur Außenwelt hatten. Fakt ist auch, dass sie alle keine Freundin hatten. Und Fakt ist, dass sie alle Zugang zu Waffen hatten.

Niemand behauptet, JEDER der Counterstrike oder ähnlichen Schwachsinn spielt, wird zum Killer. Dass es aber einen Zusammenhang gibt, kann ja wohl nicht bestritten werden. Der sieht meines Erachtens so aus: Junge Männer mit einem bestimmten psychosozialen Background spielen bevorzugt solche Spiele. Vielleicht spielen sie den Mist sogar, weil sie Probleme haben. Ich weiß, diese Meinung ist viel diskriminierender für Egoshooter-Spieler als alles andere: Blödsinn wie Counterstrike ist nicht der Auslöser, sondern die dumpfe Dröhnung, sozusagen die abstumpfende Geräuschkulisse für ihr gescheitertes Leben. Sie sind nicht Ausgangspunkt, sondern katalytische Begleiterscheinung eines viel tiefer liegenden psychischen Problems. Sicher bekommen die Jungs (man sollte sich alleine mal Gedanken darüber machen, warum Mädchen diesen Mist nicht brauchen!!!) ihre Probleme nicht durch das Spiel. ABER: Erwiesen ist, dass Ego-Shooter die Gewalttoleranz heruntersetzen, dass sie dazu führen, dass das Mitleidsempfinden heruntergesetzt wird. Und wie bei jedem anderen interaktiven Spiel mit hoher Identifizierungsmöglichkeit mit der virtuellen Person gibt es auch hier leider eine hohe Suchtgefahr und – wie bei allen Süchten – den Wunsch der erhöhten Dosis, des besonderen Kicks. Diese Wirkungen im Zusammenhang mit Videospielen zu leugnen, obwohl sie in vielen anderen Zusammenhängen schon längst und auch in diesem Zusammenhang eindeutig nachgewiesen sind, halte ich für vollkommen blödsinnig!
Deshalb finde ich es haarsträubend undifferenziert, die Argumentationskette künstlich umzukehren und daraus, dass nicht jeder Spieler zum Amokläufer wird, zu folgern, solche Spiele seien ungefährlich.

Und offenbar gibt es den umgekehrten Reflex aus der Gamer-Szene, sich von jeder Mitschuld frei zu sprechen. Ich wäre deshalb vorsichtig, von “unreflektierten Killerspiel-Assoziationen” zu sprechen, solange Du dem selbst nichts Reflektierteres oder weniger Reflexhaftes entgegenstellst.

Meine Meinung nach sollte man nicht NUR fordern, diese Spiele zu verbieten, sondern mehr als das tun: Man sollte selbstverständlich den bedauernswürdigen Gestalten helfen, ein Leben zu führen, das in der Realität stattfindet. Ihnen helfen, in der Gesellschaft verankert zu sein. Ihnen helfen, es nicht nötig zu haben, ihren sozialen Weltschmerz mit virtueller Gewalt zu betäuben. Aber man sollte auch: diesen Mist verbieten, weil er kranke Menschen noch kranker macht. Und es auch trotz der vielleicht vielen Menschen verbieten, die stark genug sind, mit diesem Zeug umzugehen. Und: Waffen verbieten, damit kranke Menschen, die durch Spiele und Internet noch kranker geworden sind, keine Möglichkeit haben, in der Realität das nachzuspielen, wozu sie in der Virtualität viel zu lange Gelegenheit hatten, es zu üben.

Und mal eine ganz doofe Frage: Warum sollte man es nicht verbieten? Oder gibt es irgendeinen positiven Grund, diesen Bullshit auf dem Markt zu lassen. Außer natürlich, dass er “unterhaltsam” ist. Zeitvertreib ist allerdings alles andere als ein vernünftiger Grund, da man sich jederzeit auch mit anderen, sinnvolleren Dingen die Zeit vertreiben könnte. Aber ich vergaß: Menschen, denen ihr Leben so wenig wert ist, dass sie sich die Zeit bis zu ihrem Ende vertreiben müssen, neigen per se vielleicht auch eher dazu, wenigstens in diesem Ende in ihren Augen einen Sinn zu geben. Und wenn es nur der von uns beiden so oft zitierte “Brennpunkt” [ein Insider-Gag, Anm. von Christian] ist… Und natürlich hat es – zugegeben – noch einen tiefen Sinn: den, dass Menschen damit viel Geld auf Kosten armer Seelen verdienen!

Mir macht diese Entwicklung Angst. Für mich haben solche Computerspiele sehr viel von der antiken “Brot&Spiele”-Mentalität. Dabei sind sie nur der schlimmste Auswuchs einer Medienindustrie, die mit der abgestumpften Dummheit der Masse ihr Geld verdient. Und auch da ist es wie im alten Rom. Je brutaler, desto wirksamer… Aber müssten nicht gerade die intelligenten, engagierten und sozial etablierten jungen Menschen aus eigenem Interesse erkennen, dass sie das alles nicht brauchen?

Liebe Grüße,
Dirk.”

Anmerkung von Christian: Meine Antwort darauf war eine ellenlange Abhandlung darüber, wie sehr sich Computerspiele doch von anderen Medien unterscheiden, dass Gewalt ja hier aus der Spielerperspektive völlig anders wahrgenommen wird als etwa beim Zuschauer, dass man doch wenn schon, dann konsequent sein müsse und sich generell fragen müsse, was in der Gesellschaft falsch laufe, wenn Gewaltmedien offenbar plötzlich so sehr Hochkonjunktur haben (man denke an die vielen Horrorfilme im Fahrwasser von Saw und Co.), und dass man eben sehr viel stärker hinter die Kulissen des Amoklaufes, in das persönliche Umfeld und die Gefühlswelt eines Amokläufers schauen müsse, um derlei Taten schlüssig erklären zu können – und dass uns das selbst dann vermutlich nicht plausibel genug gelingen würde. Die üblichen Argumente halt, die wir Gamer so langsam müde werden zu betonen. Den vollen Text erspare ich Euch der Länge wegen lieber und leite lieber direkt zur darauf folgenden Antwort über, die bewusst überspitzt und provozierend ausgefallen ist und an manchen Stellen bitte nicht zu wörtlich genommen werden sollte:

“Hallo Christian.

Bitte nicht persönlich angegriffen fühlen. Ich weiß, dass bei Dir aus dem Killerspiel-Spielen kein Problem erwächst.

In vielem, was Du schreibst, bin ich ja absolut bei Dir. Was mich allerdings einerseits beruhigt, andererseits erstaunt: Nicht ein einziges Deiner Argumente widerspricht wirklich einem Verbot von Gewaltspielen. Außer vielleicht einem, dass aber gar kein wirklich sachgerechtes Argument ist: Die Berufung auf die Freiheit, sich selbst die Inhalte der Medien aussuchen zu dürfen und zu können, mit denen man sich beschäftigt. Natürlich kann ich Dir das nicht absprechen. Bei Menschen, auf die diese Medien gefährlich wirken, möchte ich das aber schon gerne tun. Blöderweise weiß ich vorher nie genau, bei wem ein Verbot sinnvoll gewesen wäre… Dass USK 16 da nicht hilft, zeigt der Fall des 17jährigen Täters recht zweifelsfrei, oder?

Damit sind wir bei der immer wieder bei allen möglichen Themen aufkommenden Frage nach Freiheit oder Sicherheit. Und auch wenn es bei vielen nur hohle Phrase ist, bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass Freiheit immer nur soweit gehen darf, als sie die Sicherheit anderer nicht gefährdet. Toleranz ist mir sehr wichtig. Sie darf aber niemals dazu führen, dass sie gegenüber Gruppen, Menschen, Dingen ausgeübt wird, die die Freiheit der anderen einschränkt. Und freiheitseinschränkender als tot schießen geht wohl kaum…

Ich glaube, Du hast ganz gut verstanden, dass ich nicht die Ursache einer solchen Wahnsinnstat bei Computerspielen suche. Aber solange mir niemand einen “wert”-vollen Grund nennt, warum es solche Spiele geben muss, warum das Spielen erlaubt ist und warum man sie nicht ganz einfach vom Bildschirm bannen darf, solange bleibe ich tatsächlich bei meiner Meinung. Leider (oder Gott sei Dank?) kann ich bei mir noch nicht die trotzige Gleichgültigkeit feststellen, sagen zu können, dass es mir egal sei, ob ich mit meinen Argumenten andere erreiche oder nicht. Dass die Lustbefriedigung/Unterhaltung/Zeitvertreib einzelner als Argument für mich nicht gilt, muss ich nicht wiederholen. Wo zieht man denn eigentlich die Grenze bei der Wahl der freien Medieninhalte? Muss man dann nicht Kinderpornographie auch erlauben. Ach nein: dabei kommen ja Kinder zu schaden… Oh Moment mal: Beim “Schoolshooting” ja auch! Aber klar: Gewalt und Brutalität, das ist alles nur eine bedauerliche gesellschaftliche Gesamttendenz. Sicher, das ist so! Und ganz sicher ist diese nicht AUSGELÖST durch Computerspiele. Diese sind aber Ausdruck dieser Tendenz. Und meiner Meinung nach der abscheulichste neben der realen Tat. Weil der Jugendliche und auch der Erwachsene hier nicht Konsument sondern aktiver Täter von Gewalt wird.
DU kannst dabei zwischen Virtualität und Realität unterscheiden. Andere verlieren die Fähigkeit diesen Trennstrich zu ziehen. Trotzdem stellt sich mir die Frage: Was treibt den Menschen an, der eine Befriedigung daraus zieht, virtuelle Gewalt anzuwenden. Das Argument, dass das fast jeder junge Mensch tut, greift nicht. Im Gegenteil: es macht nur das Ausmaß des Problems deutlich! Du solltest mal darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht gerade für die “Mittäterschaft” von Counter Strike spricht, wenn gewaltverherrlichende Spiele zum gängigen Inventar der Vorstadtjugendzimmer geworden sind.

Computerspiele mit Filmen zu vergleichen, hinkt 1. da Interaktivität fehlt, und ist 2. unredlich, da man nicht nur weil in einem Sektor etwas falsch läuft, das Recht auf den gleichen Fehler proklamieren kann.

Rollenverhalten spielt meines Erachtens in diesem Zusammenhang eine riesige Rolle. Sowohl bei realer wie bei virtueller Gewalt. Offentsichlich wird bei solchen Taten aber auch immer, dass sich Jungs in unserer Gesellschaft immer mehr als Verlierer fühlen (bezeichnenderweise vor allem deutsche Jungs).

Als Anregung, die vielleicht auch ins Leere läuft, weil von Dir schon längst verstanden: Genau so wenig wie beim TV-Konsum kommt es beim Internet oder Spielen auf die Quantität an, sondern auf die Qualität. Ich glaube, kein Mensch will verbieten, dass Jugendliche am Computer spielen. Warum es allerdings Gewaltspiele sein müssen. Keine Ahnung… Aber vielleicht habe ich auch einfach keinen Draht dazu. Ich finde unnötige und unrealistische Gewalt auch in Filmen blöd und abstumpfend. Ich kann dem nichts abgewinnen…

Ich glaube Dir ja, dass Du Dich sehr ernsthaft und engagiert mit der Thematik auseinandersetzt. Bitte sprich mir aber auch nicht ab, mich mit der Thematik beschäftigen zu dürfen. Man muss nicht auf LAN-Parties gehen, um eine Meinung zu diesem Thema haben zu dürfen. Ganz im Gegenteil! Oder wie sagte Herr Bosbach (CDU) gestern im TV: Man muss kein Baum sein, um den Regenwald schützen zu wollen…

In diesem Sinne,
Dirk.”

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