Kritik an der Kritik der Kritik

Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, mir Chistian Schmidts Auslassungen zum Stand des so genannten “Spielejournalismus” bei Spiegel Online (bzw. in erweiterter Form bei Herrn Kaliban) mal genauer zur Brust zu nehmen, zu analysieren, zu hinterfragen, Textpassagen auszuwählen und ausführlichst zu kommentieren und Vergleiche zwichen Anspruch und Wirklichkeiten zu ziehen, zu recherchieren und gute mit schlechten Beispielen nebeneinanderzustellen undsoweiterundsofort. Immerhin musste ich bei der Lektüre seines Textes die meiste Zeit über zustimmend mit dem Kopf nicken.
Dann habe ich schlagartig festgestellt, dass ich dazu nicht nur keine Lust habe, sondern dass dies eigentlich Aufgabe der von Schmidt angesprochenen Branche wäre. Sich selbst zu hinterfragen, zu analysieren und zu rechtfertigen. Und dann habe ich gesehen, was dabei für ein Mumpitz herauskommen kann und hatte gestern Abend das Gefühl, platzen zu müssen, wenn ich nicht zumindest meine wirren Gedanken in unsortierter Reihenfolge einfach mal niederschreibe und ihnen Raum gewähre. Egal, wie angreifbar ich mich damit eventuell selbst mache. Hier meiner Weisheit letzter Schluss:

  • Schmidts Abrechnung mit dem althergebrachten Spiele-“Journalismus”, der längst zum unzurechnungsfähigen, verlängerten Verlautbarungsorgan der Presseabteilungen dieser Welt verkommen ist, ist die Trotzreaktion eines kleinen Kindes, das man jahrelang um sein Taschengeld betrogen hat.

 

  • Hätte Schmidt etwas ändern wollen, hätte er 1.) als stellvertretender Chefredakteur eine Position innegehabt, die ihn von allen seinen Kollegen am ehesten in die Lage versetzt hätte, diese Änderungen durchzubringen oder 2.) einfach schon viel früher seinen Hut nehmen und gehen können, um etwas eigenes aufzuziehen, das eher seinen Vorlieben entspricht. Hat er aber nicht. Warum? Vermutlich war ihm aber damals schon klar, dass ein derartiges Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist.

 

  • Es gibt keinen deutschen Spielejournalismus. Es gibt lediglich ein professionalisiertes Laiensystem, dessen Autorenschaft ihr Hobby zum Beruf gemacht hat, um künftig eher schlecht als recht davon leben zu können und sich nach 10-30 Jahren in der Branche selbst dafür auf die Schulter zu klopfen und seine Leserschaft für blöd verkauft haben zu können, die in weiten Teilen schlicht und ergreifend zu jung war und ist, um guten Journalismus von schlechter Selbstherrlichkeit zu unterscheiden.

 

  • So sehr Herr Schmidt von vielen Lesern und auch Bloggern für seine angeblich andersartigen Ansätze gelobt wurde, hat er sich doch 15 Jahre lang demütig einem System untergeordnet und dieses mitverantwortlich weiterentwickelt. Und so sehr andere Blogger und Leser ihn seiner angeblich so tollen Schreibweise wegen loben: mir ist er zu keinem Zeitpunkt meiner mehrjährigen, aktiven Lesereise durch die Gamestar-Jahrgänge auch nur in irgendeiner Weise aufgefallen. Weil das von ihm unterstützte System Texte so sehr auf Strich gebügelt hat und weiterhin bügelt, dass am Ende völlig egal ist, welcher Spieletitel gerade abgehandelt wird. Es liest sich nämlich alles gleich. Schema F, bis der Arzt kommt und kotzt.

 

  • Dass ausgerechnet Gunnar Lott Schmidt zur Seite steht, ist an Hohn nicht zu überbieten, da Lott als gelehriger Schüler und offizieller Thronfolger ausgerechnet des nun so sehr (und zurecht) gedissten Herrn Langers nicht nur dessen Werk fortgeführt, sondern die Wahnvorstellung einer “objektiven Spiele-Kaufberatung” nur noch stärker vorangetrieben, die von Schmidt und ihm selbst nun herbeigewünschten Ideale nur noch tiefer unangespitzt in den Boden gerammt hat. Mit Schmidt als willfährigem Gehilfen in der Gefolgschaft. So gerne ich Lott als Blogger habe, zu diesem Thema hätte er lieber geschwiegen.

 

  • Wie gut oder besser schlecht die Idee war, nun lautstark und öffentlich die Hand zu beißen, die ihn als nunmehr freien Journalisten (falls er das jetzt wirklich ist) füttert, wird sich noch abzeichnen. Als Kolumnist für Spiegel Online und das eine oder andere Feuilleton wird es sich eher schlecht als recht leben. Am Ast zu sägen, auf dem man lebt, ist jedenfalls nur mit klaren Perspektiven und halbwegs rosiger Jobperspektive eine gute Idee. Ich wünsche ihm von ganzen Herzen, dass er diese vor sich hat. Ansonsten gilt: wer im benzingefüllten Glashaus sitzt, sollte nicht versuchen die Steine anzuzünden, denn die Axt im Zimmermann erspart den Wald.

 

  • Die GEE hat seit Jahren von dem Idealbild einer deutschsprachigen Spielezeitschrift gezehrt, das sie sich innerhalb der ersen zwei Jahre unter Michail Hengstenberg aufgebaut hat. Danach ging es textlich und inhaltlich rapide bergab und die GEE war selbst durch “objektive Kaufberatungen” kaum mehr zu unterbieten. Was blieb, war ein Mythos, der bis heute hochgehalten wird, jedoch lange nicht mehr der Realität entsprach. Plus: die GEE war Auflagen- und Verkaufszahlentechnisch auch immer mehr Prestige-Objekt denn lohnende Spielejournalismus-Goldgrube.

 

  • Spiele-Magazine sind keine Fachzeitschriften, sondern Special-Interest-Magazine. Als “Fachzeitschriften” werden AUSSCHLIESSLICH wissenschaftliche Publikationen bezeichnet. Und wer die Gamestar und Co. ernsthaft als wissenschaftliches Niveau hieven will, hat doch wohl den Schuss nicht gehört.

 

  • Das, was Schmidt da fordert, existiert seit 2004 auch in der deutschen Spielelandschaft. Nämlich spätestens seit der von ihm zitierten Publikation Kieron Gillens zum so genannten New Games Journalism. Findet hierzulande jedoch praktisch ausschließlich in Form von Blogs statt – die sich, so wie dieser hier, ganz bewusst als Abgrenzung von all der unerträglichen Spielejornalismus-Flachwichserei verstanden wissen wollten. Einziges Problem hierbei: Blogs liest in Deutschland keine Sau. Zumindest nicht in dem Ausmaß, wie selbst selbst auflagenschwächste Print-Magazine. Oder die GEE. Und die hat ja auch kaum jemand gelesen. Man darf den Ansatz des New Games Journalism also als für die breite Masse genau so untauglich ansehen, wie den vorgetäuschten Objektivismus uniformierter Einheitsbrei-Reviews.

 

  • Was Christian Schmidt fordert, ist machbar. Wenn man die gesamte Branche auf Null und alle Redaktionen vor die Tür setzt, Spielejournalismus als Teil des Curriculums journalistischer/kommunikationswissenschaftlicher Studiengänge und an Journalismusschulen etabliert und die Mentalität des Praktikanten-machen-unserer-Arbeit-Siechtums, das sich die versammelte Baggage derzeit leistet, zur Hölle jagt. Das wird aber nicht passieren.

 

  • Die von Schmidt zitierte spielende Mitte der Gesellschaft exisitert in Form des von ihm herbeiphantasierten Idealbilds nicht. Die spielende Mehrheit deutscher Bundesbürger müht sich immer noch mit ihren beiden Wii-Starttiteln und unterdurchschnittlich aufwändigem Social-Games-Mumpitz ab. Die spielende Mehrheit interessiert sich einen Scheißdreck für Spiele-Magazine. Ganz gleich ob objektiv testend,  persönlich-emotional wertend oder hintergründig einordnend. Ganz gleich ob als Print oder Online. Der spielenden Mehrheit geht derlei Geschreibsel am haarigen Arsch vorbei. Genau wie diese unerträgliche Diskussion.

 

Picture: “everyones a critic” by Jon Jordan, published under Creative Commons License (by-nc-sa)

18 thoughts on “Kritik an der Kritik der Kritik

  1. Ganz ruhig.

    Durchatmen.

    Hierzu gäbe es viel zu sagen, aber ich bin in Eile. Nur ganz kurz zu mir:

    Das Zusammenzähl-Testsystem der GameStar wurde in der letzten Ausgabe vor meiner Amtsübernahme eingeführt. Ich fand’ das persönlich nicht gut, aber die überwiegende Mehrzahl der von uns befragten Leser unterstützte das System, daher war es auch nicht einfach abschaffbar — auch Chefredakteure sind nicht allmächtig. Von “Vorantreiben” kann keine Rede sein. View all comments by Gunnar

  2. also ich kann deinen post teilweise dahingehend unterschreiben, dass ich spielemagazine für nicht unabhängig halte. zu oft wurden games in den himmel gelobt, die dann bestenfalls mittelmaß waren, als das ich seit jahren noch eine spielezeitschrift freiwillig kaufe.

    was den “new game journalism” angeht – also ich lese rockpapershotgun sehr, sehr gern und ich denke RPS hat auch ordentliche leserzahlen. (wobei die natürlich nicht an die klicks von gamestar/pcgames/whatever herankommen werden.)

    so rein persönlich sind mir subjektive und kritische berichte lieber, als irgendwelche glattgebügelten reviews. (das man daraus auch ein konzept machen kann und bewusst provoziert, sieht man immer mal wieder bei 4players.) wieviele leute das am ende dann erreicht ist mir ehrlich gesagt schnuppe. ich lese die entsprechende seite nicht weil sie hohe verkaufszahlen oder pageimpressions hat, sondern weil ich den stil und/oder die inhalte mag 🙂 View all comments by cmi

  3. Ach Gunnar, ich überspitze doch so gerne. OK, streich das Vorantreiben, aber von einem gezielten Gegensteuern oder sinnvollen Korrektur-Maßnahmen war leider auch nichts zu spüren. Stattdessen gab es… hmm… desaströse?… Wertungen wie beispielsweise beim oft als Beispielt bemühten Psychonauts. Keine unbedingte Sternstunde.
    Aber selbst, wenn man davon mal absieht und meine bewusst provokanten Aussagen mal auf den Kern reduziert, würde da oben immer noch stehen: Du und Christian – Ihr “wettert” nun gegen ein System, das Euch “groß” gemacht hat und bei dem Ihr ebenso Erfüllungsgehilfen wart. Auch wenn hinter jedem Chefredakteuer ein noch mächtiger Verlag steckt: wer, wenn nicht Ihr sollte denn sonst eine inhaltliche Ausrichtung vorschlagen. Und wenn das nicht möglich war und Ihr so unglücklich damit: warum habt Ihr es dann doch so lange damit ausgehalten?
    Darum geht es mir eigentlich: das es einfach ist, hinterher Stellung zu beziehen.
    Aber das ist die Perspektive eines Außenstehenden, der keinerlei Einblick in Eure Redaktionsräume hatte. Wenn Ich mir Mick Schnelles verbitterte Kommentare so anschaue (dessen Ansichten und Einstellungen ich ganz bestimmt nicht teile), ging es ja hinter den Kulissen vielleicht doch höher her, als man jemals zu vermuten gewagt hätte…
    Ich will auch niemandem ans Bein pissen, sondern eher die Schwachpunkte der Schmidt’schen Argumentation abseits des – wirklich peinlichen – allgemeinen Altredakteurs-Geheules zeigen. View all comments by Christian

  4. Gunnar, du und Christian Schmidt habt doch jetzt ein Podcast-Projekt. Widmet euch in der nächsten Ausgabe mal diesem Thema, anstatt irgendwelchen alten Spielen, denn: Wann, wenn nicht jetzt? Holt noch den Langer oder so ins Boot und legt los. Und wenn ihr das nicht zu einem Spieleveteranen-Podcast verkommen lasst könnte es auch richtig gut und interessant werden. View all comments by Ranor

  5. Man merkt die Wut im Bauch 🙂

    Ja, die GEE hat schon abgebaut, da muss ich dir Recht geben. Ich honoriere aber gegen Ende eher den Versuch “anders” zu sein. Die Essays gehörten da für mich immer noch zu den sehr lesenswerten Sachen.

    Die Frage ist: Was nun? Ich gebe Dir auch Recht, dass der Umschwung von Seiten der Verlage und der Redaktionen kommen muss. Als Blogger/Konsument konnte man sich gestern wirklich nur zurücklehnen, der Schlammschlacht zusehen, die sich da auf einmal entwickelt hat und vorsichtig anmerken, dass man sich selber vielleicht den Ist-Zustand als Konsument auch nicht so wünscht.
    Wahrscheinlich waren Ort und Zeit einfach schlecht gewählt.

    Ich hoffe, dass es irgendwie zu einem konstruktiven Ende führt (da muss ich Gunnars Aussage bei ihm im Blog widersprechen, dass es das nicht gegeben hat) und vielleicht doch was dabei rumkommt. View all comments by Hazamel

  6. Ich finde die Punkte gar nicht schlecht, die Du aufgelistet hast. Insbesondere, dass sich die Branche ernster nimmt als sie das eigentlich kann.

    Das Tolle an uns Nichtspielezeitschriftenjournalisten ist, dass wir nur Probleme und keine Lösungen haben. Das liest sich erstmal arrogant, aber ist ein sehr komfortabler Diskussionsstandpunkt. Bei den einbrechenden Auflagenzahlen will ich da nicht mit denen tauschen. Da hilft auch der Quartalsdesignrestart nicht.
    Gunnar Lott hat die Branche gewechselt und arbeitet jetzt dort, wo er für seine Familie auf absehbare Zeit auch Geld verdienen kann.

    Zu den beruflichen Vorraussetzungen: Klar haben alle als Laien angefangen. Ein erfahrender (studierter) Journalist mit den Computerspielekenntnissen war sicherlich damals auch nicht zu einem Zeitschriftenneustart zu finden. 😉 View all comments by Burki

  7. @Christian

    Darf man mal ganz vorsichtig fragen was du speziell gegen den Hernn Langer hast? Ich fand auch nicht alles gut was der so gemacht hat und er gehört sicherlich zu den Detailtestfetischisten, aber als ich ihn mal persönlich kennen gelernt habe fand ich ihn eigentlich sehr nett. View all comments by Jan

  8. Er mag so nett sein, wie jemand überhaupt nur sein kann, aber für mich persönlich steht er praktisch für alles, was man am Spielejournalismus überhaupt nur “falsch” oder zumindest schlecht machen kann. Weniger in seinen Artikeln selbst (die aber auch nicht sonderlich gut sind, zumindest was ich so kenne von ihm), sondern in seiner grunsätzlichen Herangehensweise. View all comments by Christian

  9. Dann lag ich ja mit meiner Vermutung richtig. Dem kann ich mich auch anschließen was man aus meiner Wortwahl im vorherigen Kommentar sicher schon ableiten konnte. Kannst du dann überhaupt den Veteranen Podcast hören? Dort schweift er ja auch regelmäßig in das überschwängliche Loben eines Spiels auf Grund eines besonders gelungen Details ab. View all comments by Jan

  10. Ach, wie mag ich diesen Artikel. Ich möchte ihn umarmen. Um deutlich zu machen: Ich kann viele der Aussagen vollends unterschreiben.

    Aber das scheint insgesamt das Problem von Gaming-Presse in Deutschland zu sein. Videospiele werden hierzulande in entsprechender Presse nicht behandelt wie höchst subjektive, liebenswerte Unterhaltungsprodukte, sondern mit einer technischen Nüchernheit durchleuchtet, die dem Medium einfach nicht angemessen ist.

    Da mag sich eine GEE noch so sehr “Love for Games” auf die Fahnen schreiben – von einst hehren Ansprüchen ist wenig übrig geblieben.

    Ich schätze Eurogamer. Und RPS. Und sogar Kotaku und Joystiq. Allen voran zeigt auch momentan Polygon, das neue The Verge Projekt, wie man Videospiele verschriftlichen kann. Aber in Deutschland sehe ich rein gar nichts, was der Qualität ansatzweise nahe käme. 4Players? GamersGlobal? GameStar? Das ist doch alles vernachlässigbarer Schrott, den niemand braucht, sofern er rudimentäre Englischkenntnisse besitzt.

    Und damit ist das Thema doch sogar schon beendet. Um guten Games-Journalismus einigermaßen unabhängig betreiben zu können, braucht man Geld. Hierfür gibt es in Deutschland aber keinen Markt – sinnhaft ist so etwas also nur wenn man den Weltmarkt betrachtet, wie eben Genregrößen wie Kotaku etc. Ein lokales Printprodukt wirkt dementgegen eher dörflich. Und die Zielgruppe? Ich will nicht so vermessen sein und behaupten, dass jeder Englisch spricht, so ist es nicht – aber diejenigen, die sich tatsächlich ein Gaming-Fachmagazin reintun wollen, sind zum weitaus größten Teil sicherlich befähigt, auch ein Kotaku oder Polygon zu lesen… was das Potential für eine deutsche Kiste nochmal einschränkt.

    Also: Gibt es guten Games-Journalismus in Deutschland? Meiner Meinung nach nicht. Fehlt mir dieser? Nein. Nicht im geringsten. View all comments by Andy

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