Auftritt Frauenchor. Ein Raunen aus der Reihe hinter mir: “Ah, da kommen die Bläserinnen“. Auftritt Männerchor. Ein weiteres Raunen: “Und da kommen auch schon die Instrumente“. Wenn man sich schon nicht bei vielem sicher sein kann, aber: bei dem Besuch eines gewöhnlichen Sinfonie-Konzertes dürfte es schwierig bis unmöglich sein, solche Monologe aufzuspüren bzw. unfreiwillig miterleben zu müssen. Dies hier war aber kein gewöhnliches Konzert, sondern die Uraufführung eines ganz besonderen musikalischen Ereignisses. Eines geradezu historischen Momentes. Der allerersten Radio-Liveübertragung eines Konzertes, bei dem (fast) ausschließlich Musik aus Computerspielen gespielt wird. Genau genommen die Musik eines einzigen Komponisten, eines einzigen Mannes: Chris Hülsbeck. Doch so ganz stimmte das mit dem reinrassigen Spielemusikkonzert am Ende dann doch nicht. Mit “Licht am Ende des Tunnels” wurde auch ein Stück seines Soundtracks zu einem Kurzfilm der ganz späten 90er gegeben, “Die Karawane der Elefanten” war sogar ein gänzlich eigenständiges Stück, das sich zum allerersten Mal der Öffentlichkeit präsentierte. Als Weltpremiere bei der Weltpremiere, sozusagen. Und selbst “Tower of Babel“, von Hülsbecks allererstem Album “Shades“, das nach seinem Gewinnerstücks eines alten 64′er-Songwettbewerbs benannt wurde, ist kein wirklicher Spielesound, beinhaltet aber immerhin Anleihen aus dem legendären Turrican-Opus. Letztendlich zählt jedoch, dass sich überhaupt mal jemand getraut hat, das Thema Spielemusik so konsequent aufzugreifen und in einer verhältnismäßig langen Live-Sendung unterzubringen. Dass es ausgerechnet der sonst eher piefige Schlagerkanal WDR 4 war, zeugt davon, welche kulturelle Bedeutung auch Musik aus Videospielen mittlerweile anhaftet.

Kultur allerdings, das ist so eine Sache, die je nach Auffassung völlig unterschiedlich interpretiert werden – oder einfach unter den Tisch fallen gelassen werden kann. Für den durchschnittlichen Gamer ist der Besuch eines kulturellen Highlights im feierlichen Ambiente eines klassischen Konzertsaals bei Anwesenheit eines 120köpfigen Sinfonie-Orchesters deshalb auch wohl Anlass genug, sich mal richtig fein in Schale zu werfen und sein ranzigstes Gameshirt, bedruckt mit nerdigsten Motiven aller Art, herauszukramen und darüber im besten Fall zugleich noch seine abgeschnittene Jeansweste mit geschätzten drölfzig Badges zu ziehen… um dann, mit der Kölsch-Pulle in der Hand im Publikumsraum fläzend, eingangs erwähnte Zoten zu reißen und sogleich den gebührenden Applaus für die einmarschierenden Musiker komplett zu verstolpern. That’s Rock’n'Roll, Baby. Meine völlig Games-unaffine Begleitung hatte im Vorfeld jedenfalls das Schlimmste befürchtet und wurde in all ihren Klischeevorstellungen auf das Gründlichste bestätigt. Erschreckend. Da redet man jahrelang mit Engelszungen auf jemanden ein, dass Zocker im Allgemeinen doch alles andere als das fest verankerte Bild im Kopf repräsentieren, nur um bei erstbester Gelegenheit das metaphorische Messer vom soeben noch verteidigten Mob in den Rücken gerammt zu bekommen. Das tut weh. Aber vielleicht sind es auch gar nicht die Zuschauer, die sich künftig erst noch an die Gepflogenheiten eines klassischen Konzertes gewöhnen müssen, sondern die Musiker, Akteure und alteingesessenen WDR 4-Klassikkonzertbesucher, denen in Zukunft ein neuer Wind aus den Zuschauerreihen entgegenwehen wird. Wer weiß. Alles geht seinen Gang.

Dazu passen dann auch hervorragend die launisch-flapsigen Moderationen eines Matthias Opdenhövel, dem geneigten Zuschauer ansonsten eher bekannt als Host der insgesamt doch recht zielgruppenaffinen Samstagsgaudi Schlag den Raab. Manchem mag er vielleicht nicht unbedingt als erste Wahl erschienen sein – dennoch hat er einen hervorragenden Job hingelegt und zwischenzeitlich sogar erkennen lassen, dass er selbst ebenfalls über eine gewisse spielerische Vorbildung verfügt… wenngleich seine Anmerkung, er habe das “Amiga-Spiel” The Great Giana Sisters ja nie spielen können, weil er nur einen C64 besessen habe, dann doch für die eine oder andere krausgezogene Stirn gesorgt hat. Sein lockerer Moderationsstil jedenfalls hat für einige kurzweilige Unterhaltung gesorgt und die ansonsten eher trockene und etwas dröge Herangehensweise des WDRs an das Thema ein wenig aufgebrochen. Für all jene alteingesessen Samstagskonzert-Hörer, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschaltet hatten, gab es in der Konzertpause ja noch ein äußerst hörenswertes, gut halbstündiges Feature zu den Hintergründen des Szene und Branche, mit Zitaten des Maestros persönlich, das im Saal aber leider ein wenig unterging – auch, weil  der Großteil des Publikums sich lieber die Beine vertreten hat oder Kölsch kaufen gegangen ist.

Wer nun am Samstag nicht das Glück hatte dabei sein zu dürfen und auch nicht das Radio bzw. den Livestream eingeschaltet hat, könnte aufgrund der vorangegangenen Absätze nun das Allerschlimmste befürchten. Dem ist aber glücklicherweise nicht so. Musikalisch war der gesamte Abend über jegliche Zweifel erhaben. Die Auswahl an Kompositionen ergab ein wunderbar stimmiges Gesamtbild und einen recht guten Überblick über das Gesamtwerk Hülsbecks und sogar meine nicht Spiele-affine Begleitung, die angesichts der ihr im Vorfeld dargebotenen Hörproben in Form alter Hülsbeck-CDs noch leicht angewidert die Nase gerümpft hatte, sich nichts desto trotz aber zu diesem Hörexperiment der besonderen Art überreden ließ, war am Ende des Abends schlichtweg grenzenlos begeistert. Vom ursprünglichen Fieps-Sound dank ihrer Synthesizer-Herkunft ließen die dargebotenen Stücke herzlich wenig erahnen. So anders, so frisch und doch klassisch kamen sie in ihren neuen Gewändern daher. Als wären sie wirklich ursprünglich für nichts anderes als das ganz große Orchester geschrieben worden. Ergreifend, die lediglich am Piano grandios filigran und mit viel Gefühl dargebotene Turrican-Suite. Mitreißend, die enorm dynamische, geradezu rockende Version ausgerechnet jenes Stücks, das heute in seiner Urform eher nervig, billig, zu synthiemäßig klingt, letztlich aber überhaupt erst den großen Erfolg Hülsbecks begründete. Die Rede ist natürlich von Shades, das in seiner Reinkarnation Symphonic Shades so unglaublich bewegend, rhythmisch wummernd und auf den Punkt gespielt daherkam, dass es einem kalt und warm den Rücken hinunterlief. Da störte selbst der einzige Einsatz eines Synthies nicht weiter.

Schön auch die percussionistische Einlage Rony Barraks, wenngleich sich mittlerweile ein wenig der Gedanke aufdrängt, dass Rony Barrak eher gebucht wird, weil er Rony Barrak ist und solch unglaublich flinke Finger hat, dass er einfach wunderbar als Showefekt taugt – und weniger, weil ein Stück sein Mitwirken unbedingt erfordern würde. Ihm dabei zuzuschauen und zuzuhören, wie er seine Finger über die Darbuka wirbeln lässt, war trotzdem ein krönender Moment eines insgesamt äußerst ergreifenden Abends. Eines so ergreifenden Abends, dass selbst Chris Hülsbeck, sonst eher zurückhaltend schüchterner Natur, es sichtlich genoss, sich vom frenetisch applaudierenden und jubelnden Publikum feiern zu lassen. Nicht minder stolz empfing Grammy-Preisträger und Dirigent Arnie Roth die ihm und ’seinem’ Orchester gebührenden Ovationen. Nicht enden wollende Standing Ovations dann auch zum Abschluss des Abends, bei dem man zu spüren bekam, wie heiß die Musiker und alle Beteiligten darauf waren, das Gleiche direkt im Anschluss noch einmal zu wiederholen. Zu gerne hätte man wohl Zugaben gespielt, aber ach, der Zeitplan wollte es nicht zulassen, standen doch vor der Tür bereits die nachrückenden Zuschauer des – nach Ausverkauf des Konzertes in Rekordzeit – kurzerhand anberaumten Zusatzkonzertes. So blieb dem Publikum nichts anderes übrig, als sich schweren Herzens und unter anahltendem Applaus an den Gedanken zu gewöhnen, dass es das nun wirklich war für diesen Abend und dass es Zeit wurde, zu gehen. Allerdings mit der ungemein befriedigenden Gewissheit, etwas einzigartigem beigewohnt zu haben. Einer ganz besonderen Premiere. Und einer weltweiten Live-Übertragung. Etwas, dass den draußen wartenden Nachrückern so nicht vergönnt war. Und so ganz für immer abgeschlossen ist dieser Abschied ja auch nicht. Immerhin wird der Mittschnitt in Bälde auf CD erhältlich sein- und man selbst wird noch oft genug Gelegenheit haben, sich mit allen Facetten und Feinheiten dieses unglaublichen Konzertes intensiv auseinander zu setzen. Mit Feinheiten, die man so beim ersten Mal sicherlich nicht gehört hat. Was auch ein wenig daran gelegen haben könnte, dass sich die eigentlich so charakteristischen wie dominanten, typisch Hülsbeckschen großen Melodien im Konzertsaal nicht immer so entfalten konnten, wie es ihnen gebührt hätte, sondern teilweise ein wenig im Gros der versammelten Instrumentenschar untergingen. Aber für so etwas gibt es ja Mitschnitte. Musik, die sich bereits beim allerersten Hördurchgang vollständig erschließt, wäre ja auch nur allzu langweilig.