Man kann ja schon ein wenig froh sein, wenn einem das liebste Hobby nicht das Fernsehen, sondern das Zocken ist. Denn dann erübrigen sich solche lächerlichen Schmierentheater, wie wir sie momentan in der Folge auf die Äußerungen eines gewissen Marcel R.-R. erleben. Da wettert ein alter, verbitterter Mann über das mangelnde Niveau des modernen TV-Programms und das Fernsehen stürzt sich voller Freude auf dieses Thema, um es genüsslich auszuschlachten. Bloß, liebe TV-Schaffenden: nur über Niveau zu diskutieren hebt das Niveau Eurer Programme bei weitem noch nicht. Ob eine Fokussierung auf die Verfilmung Shakespeare‘scher Stücke oder Brechts Werke Besserung bringen könnte, sei aber ebenfalls mehr als bezweifelt. Erstaunlich ist aber in jedem Fall, welchen Sturm der Entrüstung Ranickis Brandrede ausgerechnet bei den Öffentlich Rechtlichen entfacht hat. Ausgerechnet bei jenen Sendern, die sich an vorderster Front an die eigene Nase fassen müßten und ihr gesamtes Programmschema auf den Kopf zu stellen hätten. Den Privaten, ja denen kann das alles egal sein. Die finanzieren sich auch weiterhin schön aus Werbeeinnahmen, lehnen sich, die Diskussions-Kommödie süffisant grinsend genießend, zurück und geben dem Pöbel auch weiterhin, wonach er verlangt.

Öffentlich-rechtliche Programme hingegen haben einen eindeutigen Bildungsauftrag. Für dessen Erfüllung sie von jedem potentiellen Zuschauer (ich schreibe bewusst potentiell, denn natürlich zockt man mit Vorliebe auch das Geld jener Leute ab, die zwar rein technisch die Möglichkeit hätten, öffentlich-rechtliche Programme zu empfangen, dies aber nicht tun) allmonatlich einen üppigen Obulus verlangen. Doch anstatt sich an ihren Programmauftrag zu halten, setzen sie alles daran, ihr Angebot zu weichgespültem Müll verkommen zu lassen und sich im Quotenkampf mit RTL und Konsorten zu messen.

Liebe Intendanten und Programmdirektoren bei ARD, ZDF und sämtlichen angeschlossenen Funkhäusern: Die Quote hat Euch, verdammt nochmal, absolut scheißegal zu sein! Ihr bekommt Geld vom Bürger, und zwar nicht zu knapp, dafür, Euch nicht über Ranicki aufzuregen, sondern eben jene Punkte zu beheben, die er so leidenschaftlich angeprangert hat.

Doch stattdessen habt Ihr nichts besseres zu tun, als die ganze Geschichte noch mit der platinen Krone der Ironie zu krönen und tatsächlich öffentlich darüber nachzudenken, einer Elke Heidenreich, die es nicht lassen konnte, sich im Windschatten Ranickis ebenfalls zu echauffieren und dabei ein wenig über das Ziel hinaus zu schießen, ihre Kultursendung abzunehmen. Sehr geil, weiter so.

Versteht mich bitte nicht falsch: Mir geht das Programm der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten genauso glatt am Arsch vorbei, wie das bunte Gaga-Treiben von 9Live, Jamba TV, genauso wie 99% des Pro7Sat1RTLVOXDasVierte-Programms und all den anderen kuriosen kleinen und großen Sendern da draußen. Dass Reich-Ranicki in seiner Meinung insofern irrt, als nunmal jedes Publikum jedes Programm bekommt, das es verdient und es offenbar für jeden noch so dämlichen Rotz eine Marktlücke gibt, steht ebenfalls außer Frage. Aber kritisieren wird man auch als 88jähriger noch dürfen, selbst wenn der eigene Geschmack und die eigene Auffassung vom Wohl und Wehe der deutschen TV-Landschaft meilenweit an sämtlichen Realitäten vorbeischliddert.

Für ARD und ZDF gilt jedoch: Fresse halten und einfach mal wieder qualitativ wertvolles Programm machen, statt sich im Quotenkampf zum Deppen zu machen und immer und immer wieder dem braven Gebührenzahler durch Schleichwerbung, Reporter-Verstrickungen, schlecht recherchierte oder populistische Beiträge und Hetzjagden auf ganze Industriezweige sauer aufzustoßen.

Denn genau dafür lobe ich mir die Gaming-Szene: Hier gilt es wenigstens als gegebene Tatsache, dass der absolute Großteil der Erscheinungen platter, handlungs- und sinnentleerter Krempel sind, über den sich tagtäglich unzählige Menschen nach Herzenslust aufregen, ohne dass es irgendwen großartig stören würde. Am allerwenigsten die Industrie. Denn der Erfolg gibt ihnen Recht. Doch das sind alles privat geführte Unternehmen ohne jeglichen Bildungsauftrag und ohne verschissene Gebühren-Nazimethoden.