Vorgestern Abend war ich bei der Nacht der Löwen, auch Cannesrolle genannt. Das ist so eine kleine Veranstaltung zur Selbstbeweihräucherung der Werbebranche, bei der die besten in Cannes prämierten Werbespots aus allen medialen Bereichen präsentiert werden, und wo ganz viele Branchenvertreter schwer damit beschäftigt sind, möglichst cool und unnahbar in der Gegend rumzustehen, während sie am allerliebsten mal so richtig aus sich raus gehen würden, um zumindest ein kleines bißchen Spaß zu haben. Aber ich will nicht meckern, immerhin war ich auch da. Wer im Glashaus sitzt… Jedenfalls hat mir der gestrige Abend wieder einmal eines ganz besonders eindrucksvoll demonstriert: Games sind noch lange nicht im Mainstream angekommen. Oh nein. Mitnichten. Noch lange nicht. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Was war da los? Ich will versuchen es Euch zu beschreiben. Wie bereits gesagt: Die Cannesrolle fasst innerhalb einer circa einstündigen Session die besten internationalen Werbespots des letzten Wettbewerbsjahres zu einem Showreel zusammen. Das kann man sich dann ungefähr so vorstellen wie eine Stunde Werbung im Privatfernsehen schauen – bloß in gut und faszinierender Weise mit jeder Menge Applaus. Hätte ich es nicht selbst erlebt, ich hätte es nicht glauben wollen. Nun befanden sich unter den gezeigten Spots auch zwei Vertreter aus der unglaublich aufwändigen Halo 3-Kampagne, mit dem schönen Titel ‘Believe‘. Und mit der Ankündigung eben dieser Spots kurz vor anrollen der Filmchen nahm das Unheil seinen Lauf.

Der Moderator fühlte sich genötigt, unbedingt ein paar einleitende Worte zu der ganzen Klamotte sprechen zu müssen, was dann darin kulminierte, dass er es sich nicht nehmen lassen wollte, den geneigten Zuschauer davor zu warnen, dass es nicht nur lustige Videos mit komödiantischer Grundnote und einem gewissen amüsanten Unterton gäbe, sondern eben auch solche mit eher bedenklichen, schwierigen Inhalten. Wer nun erwartet hätte, dass im Zuge dieses Hinweises die Aufmerksamkeit auf etwa die durchaus heftigen Spots etwa einer Anti-Waffen-Organisation gelenkt werden sollte, der lag völlig falsch. Stattdessen meinte der Bühnenkasper mit den bedenklichen Themen ein böses fieses Ballerspiel – eben oben erwähntes Halo 3, dessen Kampagne durch einen ungeheuren Aufwand bei der Gestaltung und eine enorm dichte, packende Atmosphäre zu begeistern wusste. Sie erzählt in ruhigen, elegischen Bildern die Geschichte der Halo Wars, aus einer Rückblickenden Perspektive als Anlehnung an eine historische Dokumentation. Passend dazu gibt es Bilder aus dem fiktiven John 117 Monument, einem Museum, in dem die Erinnerungen an die Ringkriege versammelt sind. Allein wieviel Liebe zum Detail in dieses Museum und vor allem das darin enthaltende Diorama gesteckt wurde ist absolut preisverdächtig. Nicht umsonst wurde die Idee jüngst für die Viva Pinata 2 Kampagne nochmals aufgegriffen und persfliert. Wenn sich dann in einem anderen Spot noch zwei Kriegsveteranen an die zurückliegenden Kämpfe erinnern und die Kamera dabei geradezu zärtlich den lebensgroßen Nachbau eine Warthogs im Hintergrund streift, können sich einem eigentlich nur die Nackenhaare aufstellen, so eindringlich kommen diese Bilder daher. Wer dazu noch auch nur einen kleinen Teil der Geschichte Halos im Hinterkopf hat, wer auch nur einmal die dichte Spielatmosphäre erleben durfte, die sich etwa einstellt, wenn man zum allerersten Mal auf die Flood trifft, der kann nicht anders als sich einem wohligen Schauer hinzugeben, wenn er diese Clips im Großformat auf einer Leinwand in einem dunklen Saal sieht.

Dachte ich zumindest. Aber offenbar ist man bei den Werbetreibenden anderer Meinung und Games sind nur dann interessant, wenn man sich damit einer jungen Zielgruppe gegenüber als hip, cool und trendy präsentieren will. So kam es dann, dass praktisch jeder Film der Cannesrolle, angefangen bei den Preisträgern des bronzenen Löwen beklatscht wurde und sich der Applaus mit ansteigender Kategorie ebenfalls stetig steigerte. Bronze. Applaus. Silber. Applaus. Gold. Applaus. Ein paar Nieten waren schon dabei, aber die waren dann wirklich nicht so doll, dass sie großartig vom hocker gerissen hätten. Halo war bis zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht aufgetaucht. Wo bleiben die Spots bloß. Dann, endlich: die Königskategorie der prämierten Filme. Die Preisträger des Grand Prix. Gezeigt werden die beiden oben verlinkten Filme in gleicher Reihenfolge. Wahnsinn, diese Detailfülle. Ah, herrlich, diese Erinnerung an die Ankunft auf Halo (und ich habe tatsächlich bloß den ersten Teil gespielt, damals, als ich meine PS2 mal kurzzeitig mit einer Bekannten gegen ihre Xbox getauscht habe). Die letzten Bilder flirren über die Leinwand und ich erwarte tosenden Applaus… Na, kommt schon. Applaus! Doch nein. Es tut sich nichts. Nicht ein einziger schüchterner Klatscher. Stattdessen Totenstille im Saal. Na gut, denke ich, die sind einfach so beeindruckt, die klatschen erst nach dem zweiten Spot. Also nochmal anderthalb Minuten abwarten. Jetzt aber. Nein! Wieder nichts. Stoische Ruhe, kein Raunen im Saal, kein Applaus, keine einzige Regung. Das Ballerspiel ist durchgefallen. Das Ballerspiel ist nichts für den kühlen Werbemob.

Merkwürdig, dabei war der Großteil der Anwesenden in einem Alter, in dem man durchaus über einiges an einschlägiger Videospiel-Erfahrung verfügen dürfte. Stattdessen schien praktisch niemand von ihnen auch nur etwas mit dem Namen Halo anfangen zu können. Der Hinweis des Moderators auf die bedenklichen, problematischen Inhalte schien sich in den Köpfen verfestigt zu haben, die Ablehnungshaltung bestätigt worden zu sein. Spiele, das ist was für Nerds, für Aussätzige, damit wollen wir nichts zu tun haben. Nein, nein. Das ist äußerst peinlich: eine berufsjugendliche Branche weiß mit einem (nun doch schon längst nicht mehr sooo) jungen Thema einfach überhaupt nichts anzufangen. Die Zukunft der eigenen Branche hängt auch zu einem Großteil an den Neuen Medien, Werbung für Games wird schon bald noch sehr viel stärker an Gewicht gewinnen und irgendwann hoffentlich auch mal weg von diesem Billig-Image wollen, dass unweigerlich entsteht, wenn man sich vor allem aktuelle Printkampagnen anschaut. Aber auch in bewegten Bildern dürfte künftig deutlich mehr passieren. Halo 3 war erst der Anfang. Neue, mutige Ideen warten darauf umgesetzt zu werden. Doch von wem? Von einem ignoranten Völkchen Koksnasen (um einfach mal mit Klischees um mich zu werfen), dass ein zukunftsträchtiges Medium nichtmal erkennt, wenn es ihm der Master Chief auf dem Silbertablett serviert? Games sind die Zukunft, in der Vermarktung von Games steckt das wohl größte Potential der letzten Jahre, von Umwelt- und Biothemen vielleicht einmal abgesehen. Und dann stehen sie plötzlich alle da wie die Ölgötzen und reiben sich die Nase, weil sie es nicht schon viel früher erkannt haben. Schauderhaft.