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Wenn ein Film bereits lange bevor man ihn selbst im Kino gesehen hat mit Lobeshymnen und Oscars überhäuft wird, dann hat er es automatisch nicht gerade leicht beim Zuschauer. Einerseits will man diesen Film unbedingt lieben, weil das ja offenbar alle tun und er ja nun wirklich unschlagbar gut sein muss. Andererseits ruft man sich im Kinosaal immer wieder all die positiven Kritiken in Erinnerung und beginnt, die Story, das Setting, die Regiearbeit, die Ausstattung und nicht zuletzt die Schauspieler an seiner, eher unfreiwillig aufgebauten, Erwartungshaltung zu messen. Das kann einfach nicht gut gehen. Und vor allem ruiniert es einem irgendwie den Filmgenuss. So geht es mir zumindest immer wieder. Nun bin ich aber glücklicherweise ein riesiger Coen-Brüder-Fan, ich bewundere einfach ihre unbekümmerte Art, genau die Filme zu machen, die ihnen vorschweben, und seien sie auch noch so skuril, wirr und fernab des Mainstreams. The Big Lebowski etwa ist als Potpourri an schrägen Charakteren kaum noch zu überbieten, Hudsucker ist ein tragik-komisches Meisterwerk absurden Humors, Fargo mit seiner stoischen Ruhe, die stets auf dem schmalen Grad zur Langeweile balanciert und bewusst mit diesem Umstand spielt, eine Verneigung vor klassischen Gangsterfilme und Ein unmöglicher Härtefall ein Feuerwerk der Slapstick. Mit jedem Film ist es den Coens gleichzeitig gelungen, ein neues Genre aufzugreifen, umzuformen, auf ihre ganz eigene Art zu bedienen und daraus eine Hommage an die Klassiker der Filmgeschichte zu stricken, während sie damit gleichzeitig selbst moderne Klassiker schufen. Nun also No Country for old Men.

Eigentlich eher ein Kammerspiel in einer weiten Landschaft, eine Charakterstudie einiger weniger Figuren, allen voran des Killers Anton Chigurh. Erzählt in einer Weise, wie es nur die Coens zustande bringen und wie sie noch am Ehesten mit Fargo vergleichbar ist. Überhaupt scheinen die Brüder sich in diesem Film mit Vorliebe selbst zu zitieren, erinnern viele Elemente zumindest entfernt an ihren Achtungserfolg. Allen voran der wortkarge, grüblerische Sherriff mit seinem dezent begriffstutzigem Deputy. Gerade Tommy Lee Jones scheint sich ein großes Vorbild an der genialen Darstellung von Frances McDormand als Sheriff Marge Gunderson genommen zu haben. Und genau wie Fargo läßt sich der Film jede Menge Zeit, die Geschichte in ruhigen, langen Einstellungen zu präsentieren, Figuren eher durch das, was sie nicht sagen zu charakterisieren, als durch allzu viele Worte, ihnen ausgiebig Gelegenheit zu geben, durch ihre bloße Präsenz zu wirken. Das ist ganz großes Kino, wie wir es viel zu selten geboten bekommen und wird eindrücklich unterstrichen durch die großartige schauspielerische Leistung des Ensembles. Womit wir wieder bei meinem Eingangs geschilderten Problem wären: Ja, Javier Bardem ist fantastisch als psychopathischer Killer. Aber dadurch, dass seine Leistung im Vorfeld so sehr über den grünen Klee gelobt wurde, war ich die gesamte Dauer des Films über geneigt, mich zu fragen, was seine Darstellung denn nun so besonders macht. Sowas lenkt aber leider ungemein vom Film ab.

Vielleicht habe ich ja deshalb irgendwann gegen Ende hin den Anschluss verpaßt. Oder wurde es ab einem gewissen Punkt tatsächlich einfach zu wirr? Kurze Zeit nachdem es Woody Harrelson abrupt aus dem Film befördert hat jedenfalls habe ich wohl den Faden verloren. Mit der Schießerei zwischen Llewellyn und den Mexikanern hätte eigentlich alles ein Ende finden können. Leider war das genau der Punkt, der viel zu kurz gekommen ist. Was genau passiert ist, muss man sich aus Versatzstücken zusammenreimen und auf manches, was daraufhin noch gezeigt wird, kann man sich so recht keinen Reim mehr machen. Welche Rolle spielt eigentlich der so hilfsbereite Sheriff Bell genau in dieser Geschichte? Und was hat es bei seinem scheinbar völlig zusammenhangslosen Besuch bei dem alten Mann im Rollstuhl, offenbar der Deputy seines Vaters, auf sich? Oder seinem abschließenden Monolog über einen Traum, der ihn in der vergangenen Nacht heimgesucht hat? Was ist tatsächlich mit dem Geld passiert? Mich ließ zum Schluss hin das Gefühl nicht los, dass die gezeigten Szenen lediglich einer Ausformung der jeweiligen Charaktere diente, dazu, ihnen nachhaltig ein Gesicht, eine Geschichte zu verleihen, viel weniger, tatsächlich eine Gesschichte zu erzählen. Chigurh’s Autounfall war im Grunde genommen genau so überflüssig wie die Figur des Sheriffs als Teil der Geschichte, aber für die Erzählung, die Stimmung, die Atmonsphäre nichts desto trotz ein ungemeiner Zugewinn, der beweist, dass es nicht immer auf eine konventionell erzählte Geschichte ankommt, um einen zweifelsfrei guten Film zu machen. Bloß hätte ich persönlich mir die letzten 15 Minuten Film vielleicht lieber als eingestreute Sprengsel präsentieren lassen. Hier war man allerdings vielleicht auch zu sehr an die Romanvorlage von Cormac McCarthy gebunden. So hingegen wirkt der Schluss des Films eher als absurdes Anhängsel. Schade. Trotzdem habe ich jede Minute im Kinosessel genossen. Und das ist ja immerhin auch schonmal was, das bei weitem nicht viele Filme schaffen